Amalgam (Kurzfassung, 2019), Dr. Ilka Kloten

 

Vital – verwoben

 

Eine vibrierende Vitalität durchströmt die plastischen Arbeiten von Keiyona Stumpf. Formen brechen auf, knospen, erblühen und vergehen. Sie verkörpern das schöpferische Prinzip und die Sexualität als Triebfeder der Natur, die alles Leben immer wieder neu erschafft.

Die Künstlerin bringt zusammen, was im Leben zusammengehört. Sie verwebt menschliche Körperformen mit Formen aus der Pflanzen- und Tierwelt, betrachtet sie von außen und von innen. Man meint Haut, Knochen, Organe zu erkennen, aber auch Blätter, Blüten, Korallen, Seeanemonen. Das Einzelne ist weder herauszulösen, noch genau zu bestimmen. Alles ist virtuos miteinander verflochten – in einzigartigen Gebilden. Sie offenbaren eine Schönheit, die nicht an der Oberfläche bleibt, sondern in die Tiefe geht.

Der Betrachter kann in diesen Artefakten die ungeheure Vielfalt der Natur entdecken, sich als Teil dieser, seiner Welt verstehen: Verliert er sie, verliert er sich! Die reine, schöne, aber auch verletzliche Natur ist das Thema von Keiyona Stumpf. Eines, das aktueller ist denn je. Bewusst hält sie ihre kunstvollen Kreationen in einem labilen Zustand – zwischen Chaos und Ordnung.

 

Schön – irritierend

 

Was flüchtig besehen symmetrisch erscheint, ist keineswegs seitengleich. Im Gegenteil: Die Künstlerin vermeidet jegliche Ebenmäßigkeit und Perfektion. Der besondere Reiz liegt gerade in der leichten Abweichung vom Ideal. Sie verleiht dem Schönen die individuelle Note, an der unser Auge hängen bleibt. Dieses „es ist und ist doch nicht“ irritiert den Betrachter und animiert ihn zugleich, die Gestaltung zu ergründen. Blickt er in das Innere eines Körpers? In einen Brustkorb, ein Becken oder einen Schlund? Verweist die rote Farbe auf Fleisch und Blut?

Keiyona Stumpf ist fasziniert vom menschlichen Körper, von seinem Äußeren und Inneren. Einige Arbeiten gehen unter die Haut – visuell und emotional. Die Gebilde sind nicht eindeutig zuzuordnen, sondern bleiben bewusst ambivalent und offen für Assoziationen. Daher sind die Werke nicht einfach dekorativ oder ornamental, sondern immer auch dynamisch, anregend, ja geheimnisvoll.

 

Natürlich – artifiziell

 

Keiyona Stumpf verunklärt die Grenze von Natur und Kunst und verfolgt damit ein Prinzip, das die Kunstkammer verkörpert.

Fürsten haben seit der Renaissance Naturalia, Exotica und Artificalia an ihren Höfen in einem eigens dafür eingerichteten Schauraum versammelt. Er bot eine ganzheitliche Sicht der Welt, visualisierte den Makrokosmos im Mikrokosmos, verband Natur und Kunst.

Anders als in den traditionellen Objekten der Kunstkammer, in denen Natur- und Kunstform sich oft vermengen, aber als solche doch unterscheidbar bleiben, gehen sie in den Arbeiten von Keiyona Stumpf ineinander auf. Bei ihr werden Natur und Kunst eins, verschmelzen buchstäblich zu einem ungewöhnlichen Amalgam.

In ihren üppig gestalteten Werken scheint auch der opulente Formenreichtum des Manierismus, Barock oder Rokoko aufzuleben: der Innendekor in Schlössern oder die Gestaltung von Grotten und Brunnenanlagen in fürstlichen Gärten. Die vielschichtig angelegten Arbeiten der Künstlerin – vom Kabinettstück bis zur raumfüllenden Installation – sprechen alle Sinne an, rufen Erinnerungen wach und Emotionen hervor – von Erschaudern bis Betörung.

 

Biomorph – virtuos

 

Die Kreationen von Keiyona Stumpf stehen in der Tradition der sogenannten biomorphen Abstraktion, die sich in der Avantgarde zu Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert. Hans Arp, ihr wegweisender Vertreter, wirkt bis in die zeitgenössische Kunst hinein. Wie er so setzt sich auch Keiyona Stumpf intensiv mit den Organisationsprinzipien der Natur auseinander und findet zu einer ureigenen Position.

Die Künstlerin arbeitet mit formbaren Materialien verschiedener Art: mit Keramik, Porzellan oder Glas. Sie experimentiert aber auch mit neuen Materialien, die sie im Alltag vorfindet: industrielle Restwaren, Papier und Kunststoff bis hin zu Kaugummi. Dabei wird das Formenreservoir, das in jedem Material steckt, genutzt wie auch dessen Eigendynamik. Scheinbar unkontrolliertes Wachstum kann das Arrangement bestimmen und aus Banalem etwas Schönes entstehen!

Keiyona Stumpf gehört zu den Künstlern, die den immateriellen, virtuellen Medien in der zeitgenössischen Kunst eine neue Materialität und Virtuosität entgegensetzen. Einerseits beherrscht sie traditionelle Verarbeitungstechniken. Andererseits entwickelt sie innovative Verfahren, bei denen sie unterschiedliche Materialien so kombiniert, dass sie ihre Herkunft nicht mehr zu erkennen geben.

 

In welchem künstlerischen Medium und Format Keiyona Stumpf auch arbeitet, immer sucht sie sich der Welt zu vergewissern. Einer bedrohten Welt, die in ihrer Verletzlichkeit wahrgenommen werden will.