Künstlerporträt (Dr. Christian Lechelt), in: Neue Keramik. Das internationale Keramikmagazin, 2/21, S.21 ff

 

Die Natur als Lehrmeisterin und Inspirationsquelle der Kunst zu betrachten, ist ein ewiges Gesetzt, das gilt, seit der Mensch die ersten Höhlenzeichnungen angefertigt, den ersten Klumpen Ton geformt hat, nicht um des Gebrauchs willen, sondern im Sinne der Mitteilung und (selbst-) referenziellen wie reflexiven Darstellung, mithin des Findens eines Ausdrucks. Das Gesehene in zu Sehendes umzusetzen, mit der Künstlerin als Katalysator, Filter und Schöpferin, ist das Prinzip künstlerischer Praxis.

Die Münchnerin Keiyona Stumpf lässt die Betrachtenden auf ihre sehr besondere, wundersame, vor allem auch aus den Bedingtheiten der Materialien erwachsenden Weise teilhaben an der (scheinbaren) Prozessualtiät ihrer Werke. Denn ihre Arbeiten haben nicht die Wirkung des Endgültigen, Fertiggemachten. Vielmehr glimmt in ihnen ein Davor und Danach, wir stehen vor einer Momentaufnahme, die durch die Unveränderlichkeit des hart gebrannten keramischen Materials und der erstarrten Glasuren konterkariert wird, deren Wahrnehmbarkeit zugleich aber erst ermöglicht. Zu beschreiben, was man hier eigentlich wahrnimmt, ist nicht einfach. Die Assoziationen schießen überreich ins Kraut und überwuchern einen einmal gefassten, erhaschten Sinn sogleich mit einem neuen. Das hier verwendete, biologistisch anmutende Vokabular deutet auf den Wesenskern hin: Stumpf geht es um die Auseinandersetzung mit der Natur und dies in einem umfassenden Ansatz. Es ist nicht das minutiöse Darstellen einer erfassten Erscheinung. Das Gesehene dient ihr als Einstieg, um in die Tiefe organischer Prozesse und Strukturen einzudringen. Die dem Lebendigen zugrunde liegenden komplexen Systeme faszinieren sie, ob es das Zusammenspiel der Organe eines (menschlichen) Körpers ist oder die eigenwillige Rationalität eines Pilzmyzels. In unserer heutigen Welt der Hygiene und Desinfektion ist das vermeintliche Chaos natürlichen Wachsens und Vergehens mit ästhetischen Vorbehalten bedacht und ruft nicht selten Abscheu und Ekel hervor. Auch deshalb verunsichern Keiyona Stumpfs Werke und Installationen oftmals auf den ersten Blick. Doch zugleich wird aus der Verstörung Faszination und mit fortschreitender Vertiefung in eines ihrer Werke entwickelt sich deren Schönheit. Und darum geht es der Künstlerin insbesondere, wie sie es selbst formuliert: „Das unendlich große Repertoire von Erscheinungen in der Natur birgt in sich eine enorme Schönheit und Komplexität, die sich bis in das kleinste Detail verfolgen lässt. Dies habe ich schon immer zutiefst bewundert, begleitet mit der Frage, welches schöpferische Prinzip all diesen Erscheinungen ihre letztendliche Form verleiht und sie in ihrer Lebendigkeit entstehen und vergehen lässt. Selbst die Formen, die in einem vielleicht ein Gefühl von Ekel oder gar Furcht auslösen, können dem Auge bei näherer Betrachtung ihre Schönheit offenbaren.“

 

Die Materialauswahl und -verwendung sind wesentliche Konstituenten in Keiyona Stumpfs Kunst. In den letzten Jahren haben keramische Werkstoffe, vor allem Steinzeug und Porzellan, einen immer stärkeren Raum eingenommen, verbunden mit farb- und strukturintensiven Lauf- und Kristallglasuren. Doch sind in ihrem Werk auch Glas, Papier, Plastikfolie, Gips, Textilien, Kunstharze, Wachs und sogar Kaugummi zu finden. Sie schließt zusammen, dass es sich um Materialien handelt, die klassischerweise nicht für das bildhauerische ‚Endprodukt‘ bekannt sind. Außerdem verbindet sie die Assoziation des Ephemeren und Fragilen sowie des Weichen und Formbaren. Die vermehrte Hinwendung zu Steinzeug und Porzellan mag sicherlich auch in der konservatorisch unproblematischeren Natur der keramischen Werkstoffe liegen (Restauratoren der Zukunft werden es jedenfalls danken). Andererseits bieten gerade sie die von der Künstlerin gewünschten Werkmöglichkeiten und Ausdrucksqualitäten. Die Formgebung ist in den Grenzen ihrer Statik unendlich, erlaubt auch das Spiel zwischen Schwere und Leichtigkeit, blockhaft geschlossener Form und feingliedriger Ausarbeitung. Die Glasuren wiederum erscheinen nicht als aufgelegte Schicht auf dem keramischen Körper, sondern sie beleben die sich schlingenden und windenden Gebilde wie in Adern pulsierendes Blut. Dieser Eindruck wird durch die Strukturen der Glasuren erweckt, die durch ihre erstarrte Momenthaftigkeit gleichsam das vom Schmelzprozess herrührende Fluidum bewahren.

 

Bei der Beschreibung von Stumpfs Werken drängen sich unfreiwillig anatomische und biologische Begriffe auf, was zeigt, wie wirkungsvoll und gekonnt sich ihr künstlerischer Ansatz vermittelt, gerade auch ohne jedes Wort der Erläuterung. Denn sehr schnell dringt der Fokus in die Winkel, Höhlungen, Verwachsungen und gleitet fort von der zuerst wahrgenommenen, nur scheinbar symmetrischen Ornamentik.

 

Als eine zweite Inspirationsquelle – und damit liegt man sicherlich nicht falsch – möchte man die Barock- und Rokokoplastik des späten 17. und 18. Jahrhunderts ausmachen. Bekanntlich ist ihre bayerische Heimat gesättigt mit herausragenden Beispielen dieser Epoche. Und fürwahr lassen die filigranen Bildungen ihrer Plastiken an die vielgestaltige Rocaille erinnern, wie sie sich korallengleich an den Innenwänden von Kirchen oder Schlosssälen emporranken. Und auch die Metaphysis des Morbiden, so charakteristisch für die Kunst des Barock, zumal in der Kirchenausstattung, lässt sich in säkularisierter, aber nicht weniger transzendenten Form in Arbeiten wie Kumulation nachspüren: tiefrot glasierte, dicke Perlenschnüre verbinden zwei rosettenartige, durchbrochene Reliefgebilde, hängen herab wie Blutstropfen, lassen gleichzeitig an Paternosterketten und Rosenkränze denken. Sie können genauso gut vom üppigen Perlen- und Edelsteinschmuck einer Reliquie genährt sein. Die Reliefs sind wie Okuli in eine verborgene Welt, deren Auswachsungen sich um eine gehöhlte Mitte aufwerfen und den Betrachterblick hypnotisch in die Tiefe ziehen.

Auch die Lust von Keiyona Stumpf, raumgreifend installativ zu arbeiten, lässt sich über diese Beziehung zur Vergangenheit reflektieren. Ihre neuesten Werke entstanden sogar in ganz konkreter Auseinandersetzung mit dem Historischen: Im Rahmen der Ausstellung „Im Dialog“ intervenierte sie im Museum Schloss Fürstenberg, das die Geschichte und Gegenwart der gleichnamigen, 1747 gegründeten Porzellanmanufaktur erzählt und mit der umfangreichsten einschlägigen Porzellansammlung aufwartet. Dort ließ sie sich von dem geschichtsträchtigen Ort und den historischen Porzellanen anregen, sich in einen künstlerischen Dialog zu begeben. Ihren besonderen Reiz entfaltet die Ausstellung dadurch, dass die Objekte der Künstlerin in die Dauerausstellung des Museums integriert sind und dieser eine zusätzliche Dimension verleihen, sich selbst aber eine Referenzebene geben. Dabei vermeidet sie es aber, ihre keramischen Werke lediglich als Kommentar zu verstehen. Sehr gut nachzuvollziehen ist dieser Ansatz an der Werkgruppe Statuettes, die durch das manufaktürliche Arrangement von Dutzenden Gipsformen aus der Produktion in einem Saal des Museums angeregt wurde. Den über 30 Objekten eignet daher ein serieller Ausdruck, der auf die (gebrauchte) Gipsform aus dem Produktionsprozess verweist. Doch im Unterschied zum Manufakturporzellan, dass das Immergleiche und damit Ununterscheidbare zum Ziel hat, sind die bezüglichen Arbeiten von Keiyona Stumpf individuelle Charaktere, die durch ihre lebensvolle Ungleichheit und gewollte Imperfektion (oder scheinbare Makelhaftigkeit) eben die Frage nach dem Sinn der heute zum Standard gewordenen, perfektionierten Serienproduktion stellen.(...)