Die Schönheit des Lebendigen (2017) Keiyona C. Stumpf

 

Das unendlich große Repertoire von Erscheinungen in der Natur birgt in sich eine enorme Schönheit und Komplexität, die sich bis in das kleinste Detail verfolgen lässt. Dies habe ich schon immer zutiefst bewundert, begleitet mit der Frage, welches schöpferische Prinzip all diesen Erscheinungen ihre letztendliche Form verleiht und sie in ihrer Lebendigkeit entstehen und vergehen lässt. Selbst die Formen, die in einem vielleicht ein Gefühl von Ekel oder gar Furcht auslösen, können dem Auge bei näherer Betrachtung ihre Schönheit offenbaren.

 

Für mich gibt es in der Natur nichts „Hässliches“. Formen, die in einem im selben Moment gegensätzliche Reaktionen – wie Bewunderung und Abstoßung – hervorrufen, finde ich besonders faszinierend, da sie in einem selbst dieses Gefühl von vibrierender Lebendigkeit erfahrbar machen.

 

Ich denke, was das Wahrgenommene in einem auslöst, ist sehr eng mit den bisherigen und individuellen Erfahrungen und Prägungen verknüpft.

 

Für mich ist daher die Frage naheliegend, ob nicht das Auge, das die Dinge „in Augenschein nimmt“ der eigentliche „Künstler“ ist und der Moment des Sehens der Moment, in dem „erschaffen“ wird. Somit wäre Schönheit nicht das Resultat von Perfektion, sondern eine Art Qualität oder inneres Prinzip, das allem Lebendigen zu Grunde liegt und erst durch Vermittlung der Sinne auf den Wahrnehmenden einwirkt.

 

„Schönheit liegt“ - wie man so schön sagt -  „im Auge des Betrachters“.

 

Das Berührtsein von besonderer Schönheit in der Natur vermag eine tiefe Sehnsucht in uns zu wecken. Die Furcht vor dem Unbekannten oder Bedrohlichen könnte auf eine tiefere Angst im eigenen Inneren verweisen – vielleicht eine Furcht, - die, wenn man ihr bis zu ihren Wurzeln folgen würde  letztendlich die Furcht vor einer viel gewaltigeren Schönheit ist, die alle gewohnten Kategorisierungen sprengen würde?

 

Denn letztendlich stehen sich Mensch und Natur ja nicht als Gegensatzpaar getrennt voneinander gegenüber. Die Natur ist nicht nur die Basis unserer Existenz, wir sind „Natur“ und tragen alle ihre Prinzipien in uns. Wenn man die Welt als ein Gebilde, existierend durch kontinuierliche Veränderungen, versteht, in dem alle Teile integraler Bestandteil des Ganzen sind, und in dem sich sowohl die Teile untereinander bedingen als auch die Teile und das Ganze gegenseitig, so waren wir (Natur und Mensch) nie – weder innerlich noch äußerlich, weder als Beobachter noch als Beobachtetes - voneinander getrennt.

 

„Das Wunder ist, dass das Universum einen Teil seiner Selbst erschuf, um den Rest zu studieren, und dass dieser Teil beim Selbststudium den Rest des Universums in seinen eigenen inneren Realitäten wiederfindet“ (John C. Lilly, Wissenschaftler)

 

Und dennoch: Blickt am heute in die Welt, so scheint es als wären wir Menschen noch nie zuvor soweit von unserer Natur entfernt gewesen.

 

Es kommt mir so vor, als hätten wir in der heutigen Zeit  jegliche Achtung und jegliches Gefühl für die Natur in uns und um uns herum verloren. In unserer äußeren Realität zeigt es sich dadurch, dass wir im Begriff sind, in wertblindem Handeln und getrieben von unserer Programmierung auf den „Wettlauf im Jetzt“ unsere Welt in eine Wüstenei zu verwandeln, mit enormer Grausamkeit gegen Mensch, Tier und Natur vorzugehen und so selbstdestruktiv einen Zusammenbruch unserer Zivilisationen durch eine Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlagen herbeiführen.

 

Die Welt– die im alten Griechenland übrigens mit „Schönheit“ übersetzt wurde - verliert ihre Artenvielfalt, ihre Lebensräume, ihre Vitalität: ihre „Natur“ , und es ist offensichtlich, dass dies schwerwiegende und herausfordernde Folgen für unsere unmittelbare Zukunft haben wird.

 

Damit einhergehend stellt sich für mich auch die Frage, wie dies in einem Zusammenhang mit dem Zustand unserer „inneren Realität“  gebracht werden kann.

 

Ich glaube, dass wir davon ausgehen dürfen, eine Art „Sinn für das Schöne“ und eine daraus resultierende „Ethik“ in uns zu haben – dies nicht als vorgegebener Rahmen, dem wir nicht auch widersprechen könnten, sondern als ein Rahmen, der sich erfahren, füllen und verändern lässt, weil wir uns selbst verändern und weiterentwickeln können.

Hätten wir nicht die Anlagen dazu, stünden wir ohne jegliche Hoffnung vor den Herausforderungen unserer heutigen Zeit, die wohl mehr denn je von uns verlangt, unseren Blick wieder zurück auf das Wesentliche zu richten.

 

In meinen Arbeiten suche ich nach Formen, die in sich Bewegung und Wachstum ausrücken. Inspirationsquelle sind hierbei die Erscheinungsformen der Natur in ihrer Fülle, die Prozesse, die diese entstehen und wieder vergehen lassen und die Eindrücke, die ich darin wiedergespiegelt finde. Ich suche dabei nach Formen, die seltsam vertraut wirken und dennoch auf nichts konkretes verweisen und möchte den Assoziationsraum für den Betrachter offen halten.

 

Ich hoffe durch meine Arbeiten, in dem einen oder anderen dieses erhebende Gefühl von Lebendigkeit ansprechen zu können und damit die Frage nach Schönheit, Dynamik und Veränderung neu aufzuwerfen.

„Aber Schönheit in der Natur ist nicht das Höchste. Sie ist der Botschafter einer inneren und ewigen Schönheit und nicht nur ein sicheres und befriedigendes Gut. Sie muss verstanden werden als ein Teil und nicht jetzt schon als der letzte und höchste Ausdruck des Urgrundes der Natur.“

(Ralph Waldo Emerson, Philosoph & Schriftsteller)