Begehbare Perlen (2017), Markus Karstieß

Die Auster hat von außen eine landschaftlich zerklüftete Erscheinung, welche wie die Sehnsucht der Muschel nach der felsigen Küste etwas von Unerreichbarkeit und Sehnsucht in uns auszulösen vermag. Öffnet man eine Auster, so schauen wir auf das innere Äußere der Muschel und mit Glück auch auf eine Perle. Das Fleischige zeigt sich von seiner abjekten und zugleich delikaten Seite. Die Perle wiederum erscheint wie der Fuß des Hephaistos, als Fehler, Missstand und Fremdkörper aber auch als Zeichen exotischer, fast übernatürlicher Schönheit. Sie verbindet als natürliches Artefakt alles in sich, was zuvor über die Muschel gesagt wurde, wie ein Paradox.

Die unregelmäßige und häufigste Erscheinungsform der Perle, genannt „Barroco“, nach dem portugiesischen Wort für „schief “, „ungleichmäßig“, wurde so auch zum Sinnbild einer 200 -jährigen Epoche der europäischen Kunstgeschichte, dem Barock, die der Renaissance mit ihrer Ruhe und Klarheit, eine den Raum verzerrende, dehnende Dynamik entgegensetzte. In der Umspielung des Inneren sucht der Mensch hier zum Kraftschluss mit dem Göttlichen. Kirchen werden zu begehbaren Perlen, um in das Innerste der Welt vorzudringen. Der irisierende Lüsterglanz der Perle entsteht durch Lichtbrechung auf der Ober fläche der in Schichten gebildeten Seltenheit und bildet so eine suggestive Tiefe in der Oberfläche. Die berühmten, großen Perlen in den Juwelen der Könige und Fürsten sind daher vielleicht auch wie ein frühes, tragbares Kino der Sehnsucht nach Lust und Transzendenz zu verstehen.

In den keramischen Arbeiten von Keiyona C. Stumpf zeigt sich für mich am ehesten diese Verbindung von kulinarischem, von Raum und Transzendenz. Die Hände umspielen die amorphe, erdige Masse, die in ihrer Haptik den sie bewegenden Händen und unserer Haut so nah ist wie kein anderes Material der Kulturgeschichte. Wie die Linie beim Zeichnen aus der Hand zu fließen scheint, umspielt die Bildhauerin ihr Innerstes mit dem Material ihrer Wahl, um den ewig neu zu begründenden Kraft schluss des Menschen mit seinem Ursprung zu suchen. So entstehen Räume wie begehbare Perlen und Ornamente als Spiegel des Unbewussten.